hering special Herne Flottmann-Hallen

Kölner Stadtanzeiger 22. Mai 2008

Die Klangzonen unter der Haut

Hören für Fortgeschrittene

»Hering« ist der witzige Titel einer Klangveranstaltung, die bereits zum vierten Mal im Kunstraum OBST stattfand.

Nicht die Besucherzahl entscheidet über die Bedeutung von Kunstwerken. Davon ist Dietmar Bonnen, Betreiber des Kunstraums OBST, fest überzeugt. Auch aus diesem Grund veranstaltet der Musiker und Komponist gemeinsam mit dem Musikjournalisten Michael Rüsenberg das Klangereignis »Hering«, an dem lediglich zwanzig Zuhörer beteiligt sind. Mehr Platz hat der Raum in der Piccoloministraße nämlich nicht, so dass die Anwesenden ganz nah am Klanggeschehen sind.

Im Mittelpunkt der fast dreistündigen Veranstaltung standen wie bei den vorherigen »Heringen« zwei kleine Lautsprecher. Aus ihnen tönten im Laufe des Abends dreizehn musikalisch-künstlerische Klangstücke zu den Themenkomplexen »Wasser« und »Klavier«. »Klangstücke öffentlich zu präsentieren, die im Live-Spiel nicht aufführbar sind«, lautet das Prinzip der akusmatischen Reihe. Und neben dem konzentrierten Hörereignis steuerten Bonnen und Rüsenberg im Wechsel wieder allerhand Wissenswertes zu den von ihnen ausgewählten Klängen bei.

Den Ausschnitt aus Glenn Goulds Hörspiel »Die Idee des Nordens«, Teil seiner »Einsamkeits-Trilogie«, kannte zum Beispiel niemand im Publikum.
Der kanadische Pianist hatte dafür ein Klavierstück des finnischen Komponisten Jean Sibelius gespielt und mit Mikrofonen an unterschiedlichen Positionen im Raum aufgezeichnet. Die verschiedenen Klang-Hör-Perspektiven hatte er schließlich im Wechsel nahtlos zu einer Aufnahme des Stückes zusammengeschnitten.

»Es geht darum, die feinen Unterschiede zu hören«, erläuterte Bonnen. Was hören wir, wenn wir hören? Und was hören wir nicht, obwohl wir es hören könnten, wenn wir genau hinhörten? Und was hören wir nicht, weil wir es zwar hören, aber keiner Erfahrung zuordnen können?

Tonfolgen wie »das Träufeln« von Wassertropfen auf Bambus, die vom Klangkünstler Andreas Bick aufgezeichnet wurden, machen deutlich: jeder Klang bringt unweigerlich Bilder, Erinnerungen und die Sehnsucht nach Erklärungen über seinem Auslöser hervor.

Das ist besonders aufregend, wenn es sich um Klänge handelt, die von einem Unterwassermikrofon unterhalb einer einhundert Meter dicken Eisschicht in siebzig Metern Meerestiefe in der Antarktis aufgenommen wurden. Dort unten, wo noch nie ein Mensch gewesen ist, kommt eine Dramatik zum Klingen, die die Unermesslichkeit der Erde mit der Unermesslichkeit der menschlichen Vorstellungskraft verbindet. Rüsenberg und Bonnen gelang auch dieses Mal, mit ihren Klangbeispielen die Zuhören nicht nur zu überraschen, sondern zu ungewohnt konzentrierter Aufmerksamkeit zu bringen.

Am Ende spürten alle Besucher der Hering-Veranstaltung: die »flüchtigen Visionen« des von Susanne Kessel interpretierten gleichnamigen Klavierstücks von Prokofjew, das Anschlagen gerissener Klaviersaiten im Kontinuum eines elektronischen Surrens und die verwirrend-spannende Klangentwicklung des schwedischen Klangtüftlers Andreas Bertilsson führen gleichermaßen zum vielfarbig dröhnenden Mittelpunkt der Erde, in die geheimnisvollen Klangzonen unter der Haut und in die schwingende Grenzenlosigkeit des Universums. Zugleich wurden sie über die Einzigartigkeit der gehörten Klangaufnahmen daran erinnert, dass reale Musik und Klangkunst nichts mit der gängigen musikalischen Massenware und Hintergrundmusik zu tun haben.

Jürgen Kisters

 

Kölnische Rundschau 2. Juni 2008

J. S. Bach vs. J. Joplin

Ein startendes Flugzeug zählt für musikalisch interessierte Menschen gemeinhin nicht unbedingt zu den erfreulichen Klängen. Wenn man es aber, wie Lee Patterson, mit einem Unterwassermikrophon aufnimmt, das er in einem Tümpel in South Derbyshire versenkt hat, dann klingt es wie aus einer anderen Welt, fern und geheimnisvoll,  und kann neben dem Geräusch bestehen, das ein Blatt einer Unterwasserpflanze verursacht, wenn es sich entrollt.

Der Journalist und Soundscape-Spezialist Michael Rüsenberg hatte diese interessante Aufnahme, in der eines der lautesten und eines der leisesten Geräusche auf unserem Planeten nebeneinander gestellt werden, zur vierten Ausgabe von »hering« im Kunstraum OBST mitgebracht. Wie immer konfrontierte er gemeinsam mit dem Musiker und Chef des OBST-Labels, Dietmar Bonnen, die gespannt lauschenden Gäste mit Klängen vom Band, die weder live im Konzertsaal aufführbar noch ohne weiteres in der Natur zu hören sind.

Wie etwa sind die Geräusche einzuordnen, die Wissenschaftler mit einem Mikrophon in 70 Meter Tiefe unterhalb der Antarktis aufgenommen haben? Bislang ist die Klangquelle dieses Brummens nicht eindeutig identifiziert, handelt es sich also um rein zufällige Klangereignisse oder ist bewusstes Handeln eines Lebewesens die Ursache, kann man das, was man hört also theoretisch „lesen“? Wann haben überhaupt Klänge eine Bedeutung für uns? Etwa wenn sie einfach nur da sind, oder müssen wir ihren Grund erkennen, sie als „interessant“, „angenehm“, oder „störend“ aus dem ständig präsenten Chaos an unterschiedlichsten Reizen herausfiltern?

So überraschte es, bei der  Wiedergabe von Glenn Goulds Collage »The Quiet in the Land«, in der das isolierte Leben der Mennoniten im nördlichen Kanada mittels Sprachfetzen aus unterschiedlichen Redesituationen zusammengestellt wird. Neben Passagen aus einer Cello-Suite von Bach sind dabei auch Auszüge aus Janis Joplins »Mercedes Benz« zu hören. Dass der hochsensible Pianist profane Rock-Klänge überhaupt zur Kenntnis nahm, war den meisten der Zuhörer wohl nicht bekannt – oder waren sie für ihn doch nur Teil der allgemeinen Geräuschkulisse? Ein interessantes Phänomen ist aber, dass ein Künstler, der solch ein Klangerlebnis in sein Werk aufnimmt, die Empfindungen seiner Hörer damit nicht eindeutig steuern kann. Denn deren Assoziationen können seinen eigenen diametral entgegenstehen.

Und wie differenziert dürfen Klangereignisse sein, welchen Kenntnisstand muss der Hörer haben, um es angemessen würdigen zu können? Wiederum präsentierte Bonnen ein Beispiel aus Goulds Schaffen, der eine Sonatine von Jean Sibelius in verschiedenen Abschnitten aufgenommen hatte. Dabei wurde die Stellung der Mikrophone jedes Mal verändert, was Dynamik und Präsenz der jeweiligen Passage hörbar beeinflusst. Wenn man’s weiß zumindest.

Hans-Willi Herman