hering special Herne Flottmann-Hallen

Rheinische Post 12. Juni 2007

Ein Atelier voller Klänge

Das Garather Atelier des Künstlers Peter Hölscher füllte sich mit Klängen – analogen, komprimierten, verfremdeten. Das gemeinsame Hörerlebnis stand im Mittelpunkt der Kunstaktion im ehemaligen Schweinestall des Schlosshofs.

Foto: Christoph Göttert

Dietmar Bonnen, Peter Hölscher und Michael Rüsenberg (v.l.) haben sich zum dritten "hering" im Schweinestall getroffen. RP- Foto: Christoph Göttert

GARATH Die hoch konzentrierte Atmosphäre hat etwas von der Szenerie des biblischen Abendmahls. Die Gäste sitzen auf Bänken an einem langen, aus massiven Bohlen gefertigten Tisch. Das Mahl besteht aus Stücken rustikalen Brots und Rotwein, der aus einem von den Dachbalken hängenden Schlauchsystem gezapft werden kann. Im Schweinestall des Garather Schlosshofs, als Atelier des Künstlers Peter Hölscher, erklingt die dritte Ausgabe von „hering”. Sprachlich verballhornt aus dem englischen „Hearing” geht es um eine erneute akusmatische Klangreise, die von Michael Rüsenberg und Dietmar Bonnen begleitet wird.

Hören hinterm Vorhang
Der Begriff „Akusmatik” soll auf Pythagoras zurückgehen, der Schülern, die das erforderliche Studiengeld nicht aufbringen konnten, erlaubte, seine Vorlesungen hinter einem Vorhang, also rein akustisch, zu verfolgen. „Hering”, das auch in Köln, Kleve und Wuppertal erklingt, ist das gemeinsame Anhören von Tonkonserven.

Auch wenn auf Musiker verzichtet wird — zumal manche Klangschöpfungen gar nicht live reproduzierbar wären —, gelingt das Kunststück eines gemeinsamen Live-Erlebnisses. „The Music of Horns and Whistles”, Anfang der Siebziger aufgenommen für die Klang-Anthologie „Vancouver Soundscape”, ist eine auf drei Minuten komprimierte Klangcollage aus verschiedenen Hafengeräuschen, Möwengekreisch und dem dumpfen Tuten von Schiffen.

Rüsenberg, der sich als Musikredakteur beim WDR einen Namen gemacht hat, erinnert an Edgar Vareses Formal-Definition von Musik als „Organisation von Klängen in der Zeit”. „A Walk through the City”, gleichfalls „Vancouver Soundscape” entnommen, versucht die Verbindung von Klangkunst und Text. Das brachiale Bremsen von Lkw, das glockenhelle Kling-Klang aus Spielhallen mit beschwörenden Sprech-Passagen kontrastiert. Mit Respekt erinnert Rüsenberg darin, dass damals alles mit analoger Aufnahme- und Schnitttechnik realisiert wurde. Bonnen sieht Brian Eno vor (Roxy Music).

Bei „Lantern Marsh” bleibt es klanglich nicht bei dem, was Eno ursprünglich an Elektrosounds digital gespeichert hat. Die Ambient Music wird mit Sounds der ländlichen Umgebung des Schweinestalls angereichert, denn zahlreiche Singvögel stimmen mit ihrem Abendgesang ein. So wird auch „hering 3” wieder von der Einmaligkeit eines Konzerts beseelt.

Bernd Schuknecht

Kölnische Rundschau – 7. August 2007

hering 3 im Kunstraum OBST

Dass eine Geige ein komplexer Klangkörper ist, bei dem alles von filigranen Fertigungstechniken abhängt, muss man keinem Liebhaber der klassischen Musik erklären. Und was wäre aus dem Jazz geworden, wenn Adolphe Sax nicht das Saxophon erfunden hätte, wie würde sich Punk ohne den elektrischen Verstärker machen? Dass die Musikgeschichte eng an die Entwicklung der Instrumente und diese wiederum an Fortschritte im handwerklichen und technologischen Bereich angekoppelt ist, dürfte den meisten Musikliebhabern geläufig sein. Dass unser Begriff dessen, was der Begriff Musik so alles umfasst, aber auch entscheidend von der Technologie der Aufnahme- und Speichermedien  abhängt, zeigt die Reihe »hering« in Holweide.

Dietmar Bonnen und Michael Rüsenberg befassen sich seit etwa zwei Jahren mit Akusmatik, einem Begriff, der auf den griechischen Philosophen Pythagoras (570-480) zurückgeht. Er bezog sich auf die weniger zahlungskräftigen unter seinen Schülern: die nämlich durften ihn während seiner Vorlesungen nicht ansehen, sondern mussten hinter einem Vorhang sitzen.  Bonnen und Rüsenberg definieren akusmatische Musik nun als Musik, bei der die Erzeuger unsichtbar bleiben – einfach, weil diese Stücke gar nicht live aufgeführt werden können, sondern lediglich durch Manipulationen von Magnetband- oder digitalen Aufnahmen möglich werden.

Dietmar Bonnen etwa stellte den Zuhörern in den Räumlichkeiten seines Obst-Labels einen Ausschnitt aus einer Klanginstallation vor, die der Ambient-Pionier Eno, früher  Mitglied von ROXY MUSIC, für den Marmorpalast in St. Petersburg konzipiert hatte: „Zwölf CD-Player spielen gleichzeitig CDs von unterschiedlicher Dauer ab, die jeweils verschiedene, vom Komponisten vorgefertigte Stücke enthalten“, erläuterte Bonnen. „Dabei werden die CD-Player mit den „Random“-Taste gestartet, was bedeutet, dass die Reihenfolge der Stücke jeweils durch einen Zufallsgenerator bestimmt wird. Die Kombinationsmöglichkeiten sind dann unendlich.“ Und weil Eno sehr gleichmäßige, sphärische Klänge ohne melodiöse oder rhythmische Strukturen vorkomponiert hatte, wirkt das Gesamtbild zwar spannungsreich, aber ausgesprochen beruhigend.

Ein interessanter Aspekt dieser Art von Komposition ist, dass sie ab einem bestimmten Punkt den „menschlichen Faktor“ – Emotionen, Launen oder Fehlleistungen – völlig ausschließt. Aufgrund der Kapazität moderner Speichermedien können derartige Stücke auch, ähnlich wie Lichteinfall, die Farbe der Tapeten oder Wahl und Anordnung des Mobiliars, bestens zur Definition eines räumlichen Ambientes eingesetzt werden – daher der Ausdruck »Ambient Music«.

Michael Rüsenberg dagegen hatte akusmatische Klänge ganz anderer Art mitgebracht: Für eine seiner eigenen Collagen etwa hatte er Schwingungen der Brücke über den Tejo mittels Kontaktmikrophonen aufgenommen und als Grundton verwendet. Darüber legte er die Musik einer neunköpfigen Trommelgruppe aus Lissabon, eine Passage aus Cees Nootebooms Roman »Die folgende Geschichte« oder das Lied »Es kommt ein Schiff geladen«, gesungen von Bonnens Chor LES SAXOSYTHES. Charmant auch Rüsenbergs Komposition aus Hupenklängen der Brummis am Lissaboner Landungssteg: „Da muss man nicht viel verändern“, so Rüsenberg. „Man hat den Eindruck, als fange einer der Fahrer an und die andern setzten dann ganz bewusst an bestimmten Stellen ein. Weil sie plötzlich merken, dass sie Teil einer Inszenierung sind.“

Hans-Willi Hermans

NRZ 29. Juli 2006

Hören bei Wasser und Brot

Klangkunst. Ohren auf Empfang ist bei hering auf Schloss Gnadenthal erste Pflicht.

Kleve. Sie legen eine Schallplatte auf oder Sie schalten das Radio ein oder Sie füttern den CD-Player mit Ihrer Lieblingsscheibe. Dann hören Sie. Ausschließlich? Nein. Sie werden neben dem Hören noch anderes tun, was sich angeblich mit Musik im Hintergrund einfacher erledigen lässt. Bügeln zum Beispiel. Das Hören gerät zur Nebensache. Diesem weit  verbreiteten Szenario bietet ein Projekt die Stirn, das vom  Namen viel mehr an die Angelei denken lässt, denn an akustisches Wahrnehmen. Hören ohne jede Nebentätigkeit – das ist für die meisten Menschen nicht nur ungewohnt. Das ist für viele auch ärgerliche Zeitverschwendung. Selbst im Konzertsaal geht es nicht ohne den intensiven Blick auf die Hände des Pianisten oder das Dekollete der Sängerin.

Abhilfe schaffen, besser gesagt: Nachhilfe geben, wollen am 17. September um 20 Uhr im Pavillon von Schloss Gnadenthal der Klangkünstler und freie Musikredakteur (u.a. für den WDR) Michael Rüsenberg und Dietmar Bonnen, Pianist und Komponist aus Köln. Beide sind Macher eines Projektes, das ausschließlich das Hören und nichts sonst in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellt.

Geräusch eines schnarchenden Leoparden

Sie gestalten die Reihe hering mit Musik, der man nicht bei der Herstellung zusehen kann und mit Kompositionen, die live nicht aufführbar sind. Michael Rüsenberg im NRZ-Gespräch „Der Effekt ist sehr groß, die Leute genießen es, nicht durch Visuelles vom Hören abgelenkt zu werden.” Rüsenberg und Bonnen präsentieren ein Programm, das vorher auf keinen Fall verraten wird.

„Die Besucher sollen unvorbereitet kommen”, erklärt Rüsenberg und deutet lediglich an, was bei gleichartigen Aufführungen in Köln, Bad Honnef und Düsseldorf zu hören war: Zappas Kompositionen auf einem Synklavier oder das Geräusch eines schnarchenden Geparden. Schwerpunkte sind eine Mischung aus klassisch-moderner Musik und Klangkunst mit Feldaufnahmen.

Die thematische Vorgabe der Veranstaltung ist eindeutig und kryptisch zugleich: „Akusmatik bei Wasser und Brot, später Wein”. Wasser und Brot, das klingt sehr nach einem Klischee aus der Strafjustiz, hat damit aber gar nichts zu tun, wie Michael Rüsenberg feststellt. Der Begriff Akusmatik geht auf Pythagoras zurück, der seinen minderbemittelten Schülern nur erlaubte, einem Vortrag von ihm durch einen Vorhang getrennt zuzuhören.

Sehen durften sie ihn nicht. hering (phonetisch abgeleitet vom englischen „Hearing” = Hören) vermittelt die reine, durch nichts abgelenkte Form des Hörens: kein Nebenbeihören beim Autofahren, Lesen, Kochen, Körperkontakt. Vielleicht für viele quälend bis undenkbar, bei „Wasser und Brot” aber durchaus möglich.

Wein aus Schläuchen

„Wasser und Brot spielt mit dem Wort karg,” sagt Rüsenberg „Dieser Begriff beschreibt sehr gut die Atmosphäre bei den hering-Aufführungen.” Später, beim Wein aus Schläuchen, wird ausgiebig diskutiert. Wer nichts anderes als intensives Hören erfahren möchte, sollte sich möglichst schnell unter der Webadresse http:// hering.umhra.de/Reservierung.htm einen Platz sichern. Die Teilnehmerzahl ist auf 50 limitiert.

Klaus Hübner