hering special Herne Flottmann-Hallen

Kölner Stadtanzeiger – 10. September 2006

Lohengrin trifft Louis Armstrong

Erstaunliche Sound-Kombinationen und spannende Klang-Collagen

Akusmatik ist das Prinzip einer Hör-Veranstaltung, die bereits zum zweiten Mal im Kunstraum Obst stattfand.

 „Um Akusmatik geht es“, erklärte der Musikjournalist und Klangforscher Michael Rüsenberg zu seiner gemeinsam mit dem Musiker und Komponisten Dietmar Bonnen organisierten Veranstaltungsreihe 'Hering', die zum zweiten Mal im Kunstraum Obst stattfand. Und er erläuterte mit wenigen Worten, was das ist, Akusmatik: „Das Hören von Klängen, ohne dass die ausführenden Musiker anwesend sind“. Kurz gesagt: die Besucher des voll besetzten kleinen Kunstraumes in der Piccoloministraße 330 waren zusammen gekommen, um einem Programm aus zehn ausgewählten Tonträger-Aufnahmen zu lauschen, die so nur als Lautsprecher-Musik vorliegen und live in einem Konzert nicht spielbar sind. Und quasi nebenbei erfuhr das Publikum außerdem, dass diese Form der Konzentration auf die Wahrnehmung unseres Ohrensinns bis in die antike Zeit von Pythagoras zurückreicht. Wie in der ersten Ausgabe des ebenso bewegenden wie informativen Hörereignisses hatten Rüsenberg und Bonnen Klangstücke aus ganz unterschiedlichen Bereichen ausgesucht, deren gemeinsamer akustischer Faden das Prinzip der Klangcollagen war.

In den akustischen Sog des Mailänder Hauptbahnhofs führte eine experimentelle Oper hinein, die der Künstler Herbert Diestel in einer komplizierten Mischtechnik schuf, indem er die komplexe Geräuschkulisse des Bahnhofs und, nicht identifizierbar, eine Opernaufnahme aus der Mailänder Scala klanglich übereinander legte. das Stück »lento und urban«, das der Experimentalmusiker Christoph Korn 1999 aus vier Klangspuren entwickelte, demonstrierte, wie man in Anlehnung an eine Ballettmusik aus dem Zirpen von Grillen, einem Rauschen, einem durchgehenden Orgelton und Gitarrentönen einen meditativen Klangraum schafft.

Chris Hughes, ein Musiker aus der Rockgruppe Adam & the Ants, realisierte nach einer Spielanweisung von Steve Reich aus dem Jahr 1967, die damals unausführbar war, wie es sich anhört, wenn man einen aufgenommenen Klang vielfach verlangsamt, ohne dass er dabei seine Klangfarbe und Tonhöhe verliert: eine akustische Slow-Motion aus Amsellied, Violinstimme und leichter Keyboard-Harmonisierung.

Dietmar Bonnen brachte in seiner Musikauswahl die schwierige Kost von Musikstücken zum Klingen, die unsere gewohnten Zeit- und Harmonievorstellungen irritieren und durchbrechen. Die Komposition »Sing me a Song of Songmy« von Ilhan Mimaroglu und Freddie Hubbard (von 1971) durchmischt dokumentarische Originaltöne von Reden und Straßenszenen, jazzigen Sound, gesprochene Texte und Zitate klassischer Musik zu einer bewegt-unruhigen Klangcollage, deren Komplexität gleichermaßen die Vielschichtigkeit der äußeren Reize in der modernen Welt und grundlegende Prozesse in unserem Gehirn zum Ausdruck bringt.

Ähnlich verschlungen in der Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Erfahrungsebenen hatte Bernd Alois Zimmermann diesen Zusammenhang 1969 in seinem »Requiem für einen jungen Dichter« hörbar gemacht, von dem Bonnen ebenfalls einen Ausschnitt vorstellte. Dass klangliche Collagen durchaus auch einfacher sein können, wurde in einem Stück vom früheren Zimmermann-Assistenten Manfred Niehaus deutlich, der 1958 ganz einfach die Musik von zwei Schellackplatten in- und übereinander laufen ließ: Wagners Lohengrin und die Stimme und Trompete von Louis Armstrong.

Erstaunlich, wie diese Sound-Kombination waren alle Klangbeispiele der Hering-Veranstaltung. Und die Fortsetzung dieser spannenden Reihe ist schon jetzt in Planung.

Jürgen Kisters

Kölnische Rundschau – 5. Oktober 2006

Lohengrin trifft Louis Armstrong

hering 2 mit ungewöhnlichen Klangerlebnissen im Kunstraum OBST

So klingt Jazz also? Dietmar Bonnen war nicht wenig erstaunt, als er als neugieriger junger Musiker auf der Suche nach Grundlagenwissen Mitte der Siebziger auf die Platte »Sing Me A Song of Songmy« stieß. Die war Teil einer Reihe mit dem viel versprechenden Titel »That’s Jazz« und 1971 vom Trompeter Freddie Hubbard zusammen mit dem türkischen Komponisten und Produzenten Ilhan Mimaroglu aufgenommen worden. „Eigentlich habe ich sie damals hauptsächlich wegen des Covers von Picasso gekauft“, gesteht Bonnen heute.

Und dass er aufgrund dieser Platte zunächst einmal einen etwas eigenartigen Begriff von Jazz hatte. Andererseits passte sie nun trefflich in die hering-Reihe: Bonnen, Inhaber des OBST-Labels, stellte in diesem Rahmen zum zweiten Mal gemeinsam mit Partner Michael Rüsenberg in seinen Räumlichkeiten in der Piccoloministraße einem geneigten Publikum Stücke vor, die live nicht – oder nicht ohne weiteres – reproduziert werden können.

Dafür ist »Sing Me A Song of Songmy« wie geschaffen: Es handelt sich um eine häufig dissonante Klangcollage, in der die Jazz-Klänge des Hubbard-Quintetts mit Fetzen aus Brahms’ »Deutschem Requiem«, der amerikanischen Nationalhymne, Texten des Philosophen Kierkegaard und dem rhythmischen Hämmern von Hölzern verbunden wird: Letzteres wohl eine Reminiszenz an südostasiatische Traditionen, schließlich ist Songmy eine vietnamesische Stadt, und die Collage war als Anklage gegen den Vietnamkrieg konzipiert.

Auffällig die Parallelen zu »Requiem für einen jungen Dichter«, eine Collagen-Komposition von Bernd Alois Zimmermann, die im Jahre 1969 uraufgeführt wurde: Zitate von Beethoven und Wagner mischen sich mit »Hey Jude« von den Beatles und den „Dubcek, Swoboda“-Rufen der Aufständischen des Prager-Frühlings. Wittgenstein, Papst Johannes XXIII, Goebbels und Stalin kommen zu Wort, ebenso die beiden Dichter Majakowski und Konrad Bayer. Letztere begingen Selbstmord, ebenso wie Zimmermann.

Die Uraufführung wurde von Manfred Niehaus organisiert, lange Jahre Student des Komponisten an der Kölner Hochschule für Musik und sein Assistent, der heute seine eigenen Kompositionen auf Bonnens OBST-Label veröffentlicht. Auf dem hering-Abend spielte Bonnen ein frühes Niehaus-Werk von 1958 vor: Die Kombination von Lohengrin-Fragmenten mit »Black and Blue« von Louis Armstrong.

Wie beim ersten Mal auch hatte Michael Rüsenberg ausgewählte Soundscapes mitgebracht, kunstvoll arrangierte, natürliche Klänge, die teilweise mit instrumentaler Musik kombiniert waren. Das Lieblings-„Instrument“ der Soundscape-Künstler scheint die Grille zu sein: Scott Smallwood hatte auf dem Campus der Princeton-Universität das Zirpen einer Grillenart aufgenommen, die nur alle 17 Jahre schlüpft und dann in Schwärmen über die amerikanische Ostküste herfällt. Christoph Korn unterlegte ein heimisches Grillengeräusch mit einem Orgelpunkt sowie sanften, meditativen Gitarrenklängen. Ganz anders Herbert Diestel, der Geräusche auf dem Mailänder Bahnhof, wie das Zischen der Züge, die Stimmen von Passanten und Ansagern oder das Zuknallen der Türen zu einer Großstadt-Symphonie arrangierte.

Hans-Willi Hermans

NRZ – 29. Juli 2006

Hören bei Wasser und Brot

Klangkunst. Ohren auf Empfang ist bei hering auf Schloss Gnadenthal erste Pflicht.

Kleve. Sie legen eine Schallplatte auf oder Sie schalten das Radio ein oder Sie füttern den CD-Player mit Ihrer Lieblingsscheibe. Dann hören Sie. Ausschließlich? Nein. Sie werden neben dem Hören noch anderes tun, was sich angeblich mit Musik im Hintergrund einfacher erledigen lässt. Bügeln zum Beispiel. Das Hören gerät zur Nebensache. Diesem weit  verbreiteten Szenario bietet ein Projekt die Stirn, das vom  Namen viel mehr an die Angelei denken lässt, denn an akustisches Wahrnehmen. Hören ohne jede Nebentätigkeit – das ist für die meisten Menschen nicht nur ungewohnt. Das ist für viele auch ärgerliche Zeitverschwendung. Selbst im Konzertsaal geht es nicht ohne den intensiven Blick auf die Hände des Pianisten oder das Dekollete der Sängerin.

Abhilfe schaffen, besser gesagt: Nachhilfe geben, wollen am 17. September um 20 Uhr im Pavillon von Schloss Gnadenthal der Klangkünstler und freie Musikredakteur (u.a. für den WDR) Michael Rüsenberg und Dietmar Bonnen, Pianist und Komponist aus Köln. Beide sind Macher eines Projektes, das ausschließlich das Hören und nichts sonst in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellt.

Geräusch eines schnarchenden Leoparden

Sie gestalten die Reihe hering mit Musik, der man nicht bei der Herstellung zusehen kann und mit Kompositionen, die live nicht aufführbar sind. Michael Rüsenberg im NRZ-Gespräch „Der Effekt ist sehr groß, die Leute genießen es, nicht durch Visuelles vom Hören abgelenkt zu werden.” Rüsenberg und Bonnen präsentieren ein Programm, das vorher auf keinen Fall verraten wird.

„Die Besucher sollen unvorbereitet kommen”, erklärt Rüsenberg und deutet lediglich an, was bei gleichartigen Aufführungen in Köln, Bad Honnef und Düsseldorf zu hören war: Zappas Kompositionen auf einem Synklavier oder das Geräusch eines schnarchenden Geparden. Schwerpunkte sind eine Mischung aus klassisch-moderner Musik und Klangkunst mit Feldaufnahmen.

Die thematische Vorgabe der Veranstaltung ist eindeutig und kryptisch zugleich: „Akusmatik bei Wasser und Brot, später Wein”. Wasser und Brot, das klingt sehr nach einem Klischee aus der Strafjustiz, hat damit aber gar nichts zu tun, wie Michael Rüsenberg feststellt. Der Begriff Akusmatik geht auf Pythagoras zurück, der seinen minderbemittelten Schülern nur erlaubte, einem Vortrag von ihm durch einen Vorhang getrennt zuzuhören.

Sehen durften sie ihn nicht. hering (phonetisch abgeleitet vom englischen „Hearing” = Hören) vermittelt die reine, durch nichts abgelenkte Form des Hörens: kein Nebenbeihören beim Autofahren, Lesen, Kochen, Körperkontakt. Vielleicht für viele quälend bis undenkbar, bei „Wasser und Brot” aber durchaus möglich.

Wein aus Schläuchen

„Wasser und Brot spielt mit dem Wort karg,” sagt Rüsenberg „Dieser Begriff beschreibt sehr gut die Atmosphäre bei den hering-Aufführungen.” Später, beim Wein aus Schläuchen, wird ausgiebig diskutiert. Wer nichts anderes als intensives Hören erfahren möchte, sollte sich möglichst schnell unter der Webadresse http:// hering.umhra.de/Reservierung.htm einen Platz sichern. Die Teilnehmerzahl ist auf 50 limitiert.

Klaus Hübner