hering special Herne Flottmann-Hallen

Kölner Stadtanzeiger – 25. Mai 2006

Wenn die Geparden schnarchen

Die neue Klangkunst-Reihe hering wurde im Kunstraum OBST vorgestellt.

Dietmar Bonnen und Michael Rüsenberg wollen das aufmerksame Hören wieder ins Bewusstsein rücken.

Wie klingt das „Lied“ eines schnarchenden Gepards? Welche Klang-Strukturen kommen heraus, wenn Frank Zappa das Arrangement eines spontanen Gitarren-Solos einem Synclavier zur Bearbeitung überlässt? Und welche tönenden Dramatiken sind mit dem Aneinandereiben von Eisschollen in der Antarktis oder von Sandkörnern in einer Wanderdüne in der Wüste von Nevada verbunden? All diesen Klangstücken ist gemeinsam, dass sie sich nicht live im Konzert von Musikern aufführen lassen. Und genau das machte sie zum Thema eines Hörereignisses der besonderen Art, mit dem der Musiker und Komponist Dietmar Bonnen und der Klangkünstler und Rundfunkmoderator Michael Rüsenberg im Kunstraum OBST eine neue „akusmatische“ Veranstaltungsreihe vorstellten.

hering nennen sie ihr Projekt, das in Anlehnung an die frühere Veranstaltungsreihe »Hear.ing« im Kölner Stadtgarten, ausschließlich Musik vor Publikum präsentieren will, der man bei der Aufführung nicht zusehen kann.

„Mehr braucht es nicht dazu als ein paar empfangsbereite Ohren. Ach was, die Ohren sind nur Pförtner; der unsichtbare Apparat dahinter muss aufnahmebereit sein,“ erläutern die beiden Veranstalter ihr Konzept des Abends, das mit den ausgewählten Musik-Klang-Beispielen ein eindruckvolles Plädoyer für das aufmerksame, absichtslose Hören bot.

So stellte Dietmar Bonnen vier weniger bekannte, am Synclavier entwickelte Stücke von Frank Zappa vor, deren komplexe Struktur für reale Musiker unspielbar ist.

Michael Rüsenberg wiederum gab mit ausgewählten Beispielen eine kleine Einführung in den Bereich der Klangkunst. Vom Gepardenschnarchen und den Geräuschen eines Käfers im Eichengebälk (aufgenommen vom britischen Natur-Klang-Forscher Chris Watson) über eine kammermusikalische Transformation des Sounds texanischer Ölförderpumpen (von Scott Smallwood) bis hin zu den tönenden Risiken, die mit dem Fällen von Bäumen verbunden sind (wie in einem Klangstück von Hannah Hartmann) vermittelte er einen Eindruck von der Beziehung klanglicher Echtzeit-Feldaufnahmen und ihren sparsamen Kompositions-Transformationen.

„Wir sind so gepolt, dass wir Hören verstehen als Hören der Ursache des Klangs. Die Klangkunst bemüht sich, die Klänge von den Ursachen zu lösen,“ erläuterte Rüsenberg den Ansatz in diesem Spektrum musikalischer Elementararbeit. Die Zuschauer waren sich unterdessen einig, dass es inzwischen bereits ungewohnt ist, konzentriert einer Tonträger-Aufnahme zu lauschen, ohne etwas anderes, irgendeine Nebentätigkeit wie Kochen, Abwaschen, Aufräumen oder Zeitunglesen, dabei zu tun. Genau diese Konzentration wollen Bonnen und Rüsenberg mit der Reihe hering zumindest für den Moment einer Veranstaltung, die in Zukunft fortgesetzt wird, zurückbringen. Und eng damit verbunden soll die Erkenntnis sein, dass die klangliche Atmosphäre eine prägende Grundlage unserer Lebensräume darstellt.

Jürgen Kisters

Kölnische Rundschau – 22. Juni 2006

Konzertatmosphäre im Kunstraum OBST

Einerseits leben wir in guten Zeiten für Musik und Musiker. Ob es sich um Klassik, Jazz oder Rock und Pop handelt, nie waren Angebot und Nachfrage so groß wie derzeit. Man kann eine unmöglich zu überschauende Zahl von Stücken im Radio hören, auf CD käuflich erwerben oder zeitgemäß aus dem Internet herunterladen.

Andererseits waren die Zeiten selten so miserabel, was die Wertschätzung der Musik angeht: In Supermärkten, Kneipen und Restaurants verkommt sie zum Hintergrundgeräusch, als Handy-Klingelton und in der Telefonwarteschleife werden reihenweise an sich unschuldige und gut gemeinte Kompositionen wie die »Vier Jahreszeiten« oder »Freude, schöner Gotterfunken« hemmungslos barbarisiert. Und daheim schiebt man zum Aufräumen oder Bügeln schnell mal eine CD ein, Angehörige so genannter gebildeter Schichten betreiben gern kulturelles Multi-Tasking, indem sie zur anspruchsvollen Lektüre ihren Mozart, Debussy oder Bartók auflegen. Aber wer hört Musik noch ausschließlich und voll konzentriert?

Genau dazu möchten der Komponist und Musiker Dietmar Bonnen und der WDR-Mitarbeiter und Klangkünstler Michael Rüsenberg die Gäste einer neuen Reihe einladen. Sie basiert auf einer Idee von Rüsenberg, der vor einigen Jahren in unregelmäßigen Abständen seine »Hear.ings« im Kölner Stadtgarten angeboten hatte. Der jetzige Veranstaltungsort, der Kunstraum OBST in der Holweider Piccoloministraße, ist eine Nummer kleiner, wohl aus diesem Grund ist auch der Titel hering gegenüber dem Vorläufer ein wenig reduziert worden.

Konzertatmosphäre machte sich in dem kleinen, etwa 20 Besucher fassenden Raum breit, als Bonnen und Rüsenberg mit wenigen einleitenden Worten ihre Musikauswahl vorstellten. Eine weitere Besonderheit der Reihe: Es soll um Musik gehen, die nicht live im Konzert von Musikern aufgeführt werden kann. Aktuelle Bezüge sind deshalb noch lange nicht ausgeschlossen: Dietmar Bonnen begann mit dem Stück »Dio Fa«, in dem Frank Zappa Obertongesang, Streicher und Flöten aufeinender treffen lässt. Es basiert auf einem nicht verwirklichten Auftragswerk der Turiner Oper und wurde von der Turiner Redensart: „Fußball ist Gott und Gott ist ein Lügner“ inspiriert. Bonnen stellte weitere Zappa-Stücke vor, die dieser in den 80er und 90er Jahren auf dem Synclavier entwickelt hatte, einem frühen Musikcomputer. Anders ging das auch gar nicht, denn die Kompositionen sind in ihren rhythmischen und harmonischen Strukturen derart ungewöhnlich, dass sie von echten Musikern rein technisch nicht bewältigt werden könnten.

Stücke ganz anderer Art präsentierte Michael Rüsenberg. Er hatte „Field Recordings“ mitgebracht, faszinierende Naturaufnahmen, die von Alltagsgeräuschen im Holz bohrender Würmer über den Klang von Wanderdünen und brechenden Eisschollen bis zum Schnarchen eines Geparden reichten. Teils sind diese Stücke unbearbeitete „Funde“, die lediglich verstärkt werden, ein anderes mal wie in Hanna Hartmanns »Das fallen der Bäume birgt Risiken« kunstvoll arrangierte Geräusche, die in diesem Fall verschiedenen Ursprungs sind, eben nicht nur von berstendem Holz stammen. Hochinteressant Scott Smallwoods »refined/oilwell«, der Ölpumpen in der texanischen Wüste aufgenommen hatte und diesen Klang dann in ein Stück für Kammerensemble integriert, die Tonintervalle der Maschinen von den richtigen Instrumenten nachspielen lässt und in seiner Komposition weiter verarbeitet.

Viel Stoff für Diskussionen also, auch wenn insgesamt nur 54 Minuten Musik gespielt wurden. Bei Wasser und Brot in der Pause sowie Wein am Ende der Veranstaltung gab es reichlich Gelegenheit dazu. Das Programm von hering wird jeweils in Holweide, Düsseldorf und Bad Honnef vorgestellt, Tickets können nur übers Internet bestellt werden.

Hans-Willi Hermans

Rheinische Post – 27. Juni 2006

Im Schweinestall Musik hören lernen

Garath Wer ehrlich ist, muss Michael Rüsenbergs kritischem Ansatz zustimmen. „Wann haben wir zuletzt Musik gehört – ohne jede Nebentätigkeit?" fragt der Klangkünstler und bekannte WDR-Radiomoderator. Hinzu kommt, dass der Mensch sich bei Geräuschen primär mit der Erforschung ihrer Ursachen zufrieden gibt. Eine differenzierende Auseinandersetzung mit Geräuschen und Klängen muss also erlernt werden. Mit hering versuchen Michael Rüsenberg sowie Dietmar Bonnen, Komponist und Musiker aus Köln, der Tendenz sinnlicher Verarmung entgegen zu steuern. Nach Stationen im Kölner Kunstraum OBST und in „Der alten Schreinerei” in Bad Honnef sorgte jetzt hering im Schweinestall des Garather Schlosshofs, wo der medial vielseitige Künstler Peter Hölscher, der Bildhauer Bernhard Kucken sowie Ronald Gaube Ateliers haben, für die Möglichkeit akustisch beeinflusster Selbsterkenntnis. Das Publikum sitzt an einer rund zwölf Meter langen, aus rauen Brettern gefertigten Tafel, über der sich dünne Kunststoffschläuche, aus denen Wasser und Rotwein gezapft werden kann, schlängeln. Die „Akusmatik bei Wasser und Brot", wenngleich einige Gäste gleich dem Rotwein zusprechen, erinnert auch wegen der andächtigen Erwartungshaltung des Publikums an eine klassische Abendmahlszene. Da Musik, Klänge und Geräusche – von einer Ausnahme abgesehen – nicht live reproduzierbar sind, werden sie über CDs abgespielt.

Aufmarsch der Käfer-Armee

Abwechselnd kommentieren Rüsenberg und Bonnen die Aufnahmen. Zur Einstimmung gibt es Musik von Frank Zappa, in der sich der gutturale Gesang eines tuvanischen Kehlkopfsängers mit weiteren Ethno-Zutaten, teils akustisch, teils elektronisch erzeugt, mischt. Zappas Credo vom „Anything Anytime Anyplace For No Reason At All”, frei übersetzt „Hauptsache es klingt spannend", animiert das Wissenwollen um die Klangerzeugung und die Assoziationskraft, die die Musik ausstrahlt, gleichermaßen. Vogelgezwitscher in der Tannenschonung neben dem Schweinestall leitet eher unbeabsichtigt zu den „Field Recordings”, also authentischen Umweltaufnahmen, des britischen Spezialisten Chris Watson über. Mit ihnen lenkt Rüsenberg das Interesse wieder auf die Identifikation des jeweiligen Geräuschs. Was zunächst so klingt wie menschliches Schnarchen über einen Vokoder – mit ihm lässt sich die menschliche Stimme elektronisch manipulieren –, entpuppt sich als das Schnarchen eines Geparden in der Savanne. Und auch ein mehr oder weniger rhythmisches Getrappel wird schließlich als Aufmarsch einer Käfer-Armee im Holzgebälk identifiziert. Mit ihrem audiokünstlerischen Hörerlebnis machen Rüsenberg und Bonnen deutlich, dass Geräusche, Klänge und Musik wieder vermehrt bis ins menschliche Gehirn dringen sollten, und nicht nur in den Bauch, wo klanglich Oberflächliches auch nur eine ebensolche Stimmung auslöst.

Bernd Schuknecht